Ein Gedankenexperiment:
Stell Dir vor, Du hast einen dieser schönen, filigranen Samen aus der Luft gefangen, wie sie im Sommer und Herbst oft umher fliegen, wie kleine Fallschirme oder als zartes, verästeltes und leichtes Büschel. Weich, wunderschön anzusehen.
Du hast diesen Samen auf deine Hand genommen und nun hältst Du ihn vorsichtig mit denen Fingern umschlungen, so dass er nicht weg fliegen kann.
Schau ihn dir genau an. Intensiv. Kannst Du sehen wie schön er ist, wie wundervoll, wie einzigartig. Kannst Du spüren wie schön es ist diesen Samen anzuschauen? Ganz in der Betrachtung vertieft zu sein? Kannst Du fühlen wie viel Glück davon ausgeht?
Genieße es!
Und nun stell Dir vor, was passieren würde, wenn der Same weg fliegt. Er könnte auf den Boden wehen wo jemand darauf treten könnte. Er könnte in einen Bach fliegen und fort gespült werden. Ein Vogel könnte ihn fressen, er könnte in den Schmutz fallen und schmutzig werden. Er könnte vom Wind zerrissen werden. So viele Möglichkeiten wie er beschädigt und zerstört werden kann! Fühlst Du die Traurigkeit die diese Vorstellung alleine schon auslösen kann? Schau dir deinen Samen an! Dein Samen, dein Glück! Beschütze ihn vor diesem Schicksal!
Nun stell Dir vor was das bedeuten würde, diesen Samen zu beschützen. Wie könntest Du ihn nach Hause bringen? Du müsstest ihn in deiner Hand sicher verwahren, nicht zu feste halten, das könnte ihn zerstören. Schütze ihn vor dem Wind, er könnte den Samen in deiner Hand zerdrücken oder zerzausen. Wie willst Du Auto oder Fahrrad fahren, wenn Du den Samen in deiner Hand sicher verwahren willst? Wie einem anderen Menschen die Hand reichen, selbst wenn dieser deine Hand bräuchte? Wie in einer Menschenmenge im Bus fahren ohne das Gefahr für dein Same besteht. Willst Du den ganzen Weg laufen?
Und dann in deiner Wohnung? Wohin legst Du den Samen? Du kannst kein Fenster mehr öffnen, der Luftzug ist eine Gefahr. Selbst schnell in der Wohnung laufen könnte den Samen von seinem Platz wehen und auf dem Boden könntest Du ihn zertreten, also achte auf jeden Schritt! Und Freunde einladen? Schwierig. Du müsstest ihnen erklären, warum sie so vorsichtig sein müssen…
Stell Dir das genau vor. Fühlst Du den Stress, den dein Wunsch auslöst? Dein Wunsch den Samen für immer zu beschützen?
Das ist Leiden. Nicht die Traurigkeit, dass der Samen vergehen kann und wird wenn Du ihn nicht beschützt, sondern dass Du ihn festhalten willst, nicht loslassen kannst und der Stress der daraus resultiert.
Vielleicht wirst Du sogar wütend auf den Samen und seine Empfindlichkeit. Vielleicht nimmst Du ihn und wirfst ihn aus dem Fenster oder bläst ihn aus deiner Hand. Auch das ist kein Loslassen, es ist ein „loswerden wollen“.
Und nun stell Dir vor, Du akzeptierst, dass Du den Samen nicht davor beschützen kannst seinen Weg zu gehen. Das er davonfliegen wird. Er wird eine große Pflanze, oder er weht auf die Straße und wird zerstört. Oder er dient einem Vogel als Mahlzeit.
Dein schöner Same ist vergänglich und das ist traurig. Aber dennoch öffnest Du sanft deine Hand. Dein Same liegt auf deiner Handfläche und du betrachtest ihn. Er ist frei. Und jederzeit kann ein Windstoß kommen und ihn weitertragen. Du tust nichts als wahrzunehmen, dass es schön ist, solange er da ist, dass es traurig ist, wenn er geht, dass deine Hand leer und offen ist, wenn er weg geflogen ist.
Das ist loslassen. Loslassen ist kein Tun, es ist gelassenes, achtsames Nicht-Tun und ein Annehmen der Angst vor dem Verlust.