Am Ende eines intensiven Seminars kommt eine der Teilnehmerinnen auf Sie zu und startet mit dem Satz „Du, ich muss Dir noch was sagen was mich sehr beschäftigt. Ich wusste erst nicht, ob ich es sagen kann, aber ich will ja authentisch und klar sein, deshalb sage ich es jetzt ohne Umschweife. Ich finde Du hast da was gemacht, das finde ich nicht in Ordnung. Du hast mich nicht ernst genommen als Du …“
Du sitzt da und hörst Dir diesen Redestrom an und merkst erst hinterher, dass Du wütend bist. Aber was Du schätzt ist doch die Klarheit und Authentizität der Teilnehmerin…
Klarheit? Authentizität?
Sicher sind das zwei wichtige und heilsame Eigenschaften die wir kultivieren wollen. Aber wenn ich mir diese Situation vor Augen halte, kann ich wenig heilsames erkennen. Was ist hier schief gelaufen? Ich habe solche Situationen immer wieder mal erlebt. Unter dem „Deckmantel“ von Klarheit wird ordentlich ausgeteilt. Und weil es ja so wichtig ist klar zu sein, hat der oder dir austeilende kein schlechtes Gewissen und der Empfänger des Angriffs fühlt sich noch schlecht, weil er oder sie anscheinend noch nicht so weit ist mit dieser Klarheit zurecht zu kommen.
In der buddhistischen Lehre gibt es einen guten Begriff für das, was hier passiert ist. Der „nahe Feind“ einer guten und zu pflegenden Eigenschaft ist aufgetaucht. Ein „naher Feind“ ist eine Eigenschaft, die sich auf eine subtile Art von der heilsamen Eigenschaft unterscheidet und… unheilsam ist. Der „nahe Feind“ von Gelassenheit zum Beispiel ist Gleichgültigkeit. Der „nahe Feind“ der Klarheit ist Härte.
Klarheit kann hart sein, kann konfrontativ sein und es kann sogar wichtig sein, dass Klarheit hart ist. Aber eine heilsame Klarheit enthält Mitgefühl und Verständnis. Härte hat das nicht. Härte denkt nur an sich.
Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage „tut mir leid, ich muss gerade alleinsein und herausfinden ob ich dich noch Liebe“ oder ob ich sage „ich merke, dass ich nicht mehr die Liebe für dich empfinde, die ich am Anfang hatte. Ich sehe, dass Dir das weh tut und das tut mir leid, ich will Dich aber auch nicht belügen…“. Manchmal müssen wir klar und authentisch sein, aber wir sollten nie unser Mitgefühl verlieren