Zuflucht nehmen, die tägliche Erinnerung an die eigene Praxis

Manche meinen, die sogenannte „Zuflucht“ wäre das buddhistische Glaubenbekenntnis. Ich bin kein Buddhist, und trotzdem nutze ich die tägliche Zuflucht. Als „Glaubenbekenntnis“ verstehe ich sie nicht, aber als Erinnerung an meine tägliche Praxis und als Motivation.

Traditionell besteht die Zuflucht aus drei Teilen und lautet zum Beispiel wie folgt:

Ich nehme Zuflucht zum Buddha
Ich nehme Zuflucht zum Dharma
Ich nehme Zuflucht zur Sangha

Eventuell wird die Zuflucht dann ergänzt um die Motivation:

Das ich die vollständige Befreiung erlange

Oder sogar um die altruistische Motivation:

Das ich die vollständige Befreiung erlange,
zum Wohle Aller

Meine eigene Zufluchtsformel lautet anders, hat aber die gleichen Teile. Warum mache ich das und was bedeutet es für mich? Und warum empfehle ich das auch Anderen?

Wenn ich diese Formel einfach nur so sage, ohne Achtsamkeit und ohne Bewusstheit darüber, was mir die Zuflucht bedeutet, dann ist sie leer, dann kann und sollte ich es sein lassen. Deshalb ein paar Worte dazu, was ich mit den Teilen verbinde:

Ich nehme Zuflucht zum Buddha (oder Meister, oder…)

Zuflucht zum Buddha zu nehmen bedeutet nicht, Buddha zu einem Gott zu machen. Zuflucht zum Buddha heißt nicht „Bitte Buddha, gib mir dies, mach das…“, auch wenn ich einige Buddhisten kenne, die es genau so auslegen. Zuflucht zum Buddha bedeutet für mich: Da gab es einen Menschen, der das, was ich erreichen will, vorgelebt hat. Er ist ein Vorbild für mich, ein spirituelles Vorbild. Deshalb kann auch ein anderer Name dort stehen. Das muss auch nichts buddhistisches sein. Ich kann mir auch gut eine „Zuflucht zu Jesus“ vorstellen. Das würde bedeuten, ich sehe Jesus als mein Vorbild in spirituellen Dingen, richte mich in meinem Leben an seinem Vorbild. In schwierigen Zeiten hat es mir schon geholfen, die mitfühlende Gelassenheit meines spirituellen Meisters in Erinnerung zu rufen und zu überlegen, „was würde er jetzt wohl machen?“

Ich nehme Zuflucht zum Dharma

Das Dharma ergibt die spirituelle Lehre und Praxis. Zuflucht zum Dharma zu nehmen bedeutet für mich, dass ich mir in besonderen Situationen in Erinnerung rufe, was in der Lehre über die Beschaffenheit aller Dinge gesagt wird. Der Sinn der Lehre ist es, mir Anleitungen und Hilfen auf meinem Weg zu geben. Die regelmäßige Zuflucht erinnert mich immer wieder daran, meiner Praxis regelmäßig zu folgen, die Lehren immer wieder zu hören/zu lesen, zu überdenken, zu verstehen… Ich nehme also die Hilfen an, die mein spirituelles Vorbild mir mitgegeben hat (mitgibt) und lerne daraus. Und damit es im Alltag nicht immer wieder untergeht, deshalb ist eine tägliche Erinnerung hilfreich.

Ich nehme Zuflucht zur Sangha

Die Sangha ist die Gemeinschaft derer, die mit mir eine Praxis teilen. Wenn meine spirituellen Lehrer nicht erreichbar sind, dann ist es gut mit den Menschen in Kontakt zu sein, die sich mit den selben Fragen und Problemen beschäftigen. Wie ich meine Sangha definiere, ob es nur die Mitglieder meiner „eigenen Richtung“ sind, oder alle Menschen, die sich mit spirituellen Fragen beschäftigen, das ist jedem Einzelnen überlassen. Meine Sangha erkenne ich daran, dass ich mit diesen Menschen in einer offenen, tiefen und befreienden Weise über meine spirituelle Praxis sprechen und mich austauschen kann. Und das bedeutet manchmal auch, diese Kontakte zu pflegen, sich um Einzelne zu kümmern. In der täglichen Zuflucht schöpfe ich also nicht nur Kraft aus diesem Kontakt, ich übernehme auch Verantwortung für die Pflege der Kontakte.

Und zum Ende kommt die Motivation. Die Erinnerung daran, warum ich das alles mache. Warum meditiere ich? In der Zeit könnte ich ja auch etwas anderes machen. Wenn ich die Motivation aus den Augen verliere, dann wird auch die Praxis zu einem leeren Ritual. Ich werde nicht heilig, in dem ich viel meditiere. Meditation ist etwas, was sich über das ganze Leben legt, wenn ich es achtsam mache. Und daran erinnere ich mich jeden Morgen in der Zuflucht. So wird meine spirituelle Praxis befreiend und heilend.

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